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Ausschnitt aus der Tabula Peutingeriana - Rom

Tabula Peutingeriana – Einzelanzeige

Toponym TP (aufgelöst):

Lacus salinarum hic sal per se conficitur

Name (modern):

Sivash

Bild:
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Toponym vorher
Toponym nachher
Alternatives Bild ---
Bild (Barrington 2000) ---
Bild (Scheyb 1753) ---
Bild (Welser 1598) ---
Bild (MSI 2025) ---
Großraum:

Asien östl. d. Maiotis (Asowsches Meer), nördl. d. Taurus

Toponym Typus:

chorographische Information

Planquadrat:

8A4

Farbe des Toponyms:

schwarz

Vignette Typus :

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Itinerar (ed. Cuntz):

 

Alternativer Name (Lexika):

 

RE:

Byke

Barrington Atlas:

Bykes Limne (23 G2)

TIR / TIB /sonstiges:

 

Miller:

lacus salinarum hic sal per se conficitur (958)

Levi:

 

Ravennat:

 

Ptolemaios (ed. Stückelberger / Grasshoff):

Βύκης λίμνη (3,5,9.10.25; 3,6,1)

Plinius:

 

Strabo:

 

Autor (Hellenismus / Späte Republik):

 

Datierung des Toponyms auf der TP:

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Begründung zur Datierung:

 

Kommentar zum Toponym:

Link zum Namenlosen See:
[Lacus N. N.]

Bei diesem Gewässer, dessen Binnenbeschriftung nicht mehr lesbar ist, handelt es sich um ein zwischen dem nordpontischen Raum und dem Kaspischen Meer gelegenes Gewässer. Gut erkennbar sind aber alle Buchstaben und Abbreviaturen der unter dem See eingefügten Legende: Welser liest "Lac salinar(um) hic sal p(er) se (con)ficitur". Scheyb liest "Lac(us) salina(rum) hic sal p(er) se (con)ficitur".
Dass es sich bei diesem See um einen in der Antike für die Salzgewinnung bedeutenden Ort handelt, legt die Legende unter dem See nahe: „See der Salinen, hier stellt sich das Salz selbst her“. Die größte Wahrscheinlichkeit kann die Gleichsetzung dieses Salzsees mit dem Siwasch (Сиваш) in der heutigen Ukraine beanspruchen (vgl. z.B. Roller, A Historical and Topographical Guide to the Geography of Strabo, 363; nicht weiterführend, da unpräzise Blümner, in: RE I A/2, 1920, 2078). Der Siwasch ist ein lagunenartiges Flachwassersystem mit hohem Salzgehalt östlich der Landenge von Perekop (Hdt. 4, 3: Τάφραι; Mela 2, 4: Taphrae; Plin. nat. 4, 85. 87: Taphrae; Ptol. 3, 6, 5:Τάφραι; Steph. Byz. Τάφρη) im Norden der Krim. Nach Osten, zum Asowschen Meer hin, ist dieses System von Salzseen durch die etwa 110 km lange Arabat-Nehrung nahezu komplett abgetrennt. Der Eintrag von Süßwasser durch den Fluss Salhyr in den Siwasch ist vergleichsweise gering und gleicht die Verdunstung nicht aus, daher wird an vielen Stellen mit einer Salzkonzentration von 30% eine natürliche Sättigung erreicht (Vergleich: max. 33% im Toten Meer). Die Wassertiefe ist mit 3 m gering, und große Flächen fallen insbesondere bei sommerlicher Wärme trocken. Auf dem Grund dieses Seensystems finden sich bis zu 10 m mächtige Feinkohle- und Salzablagerungen. Bei sommerlichen Temperaturen riecht das Siwasch-Wasser unangenehm, daher der heutige Name Гниле Море bzw. Гнилое Море („Verrottetes/Faules Meer“) und das gleichbedeutende antike Hydronym Σαπρὰ λίμην (Strab. 7, 4, 1 [308]). Als weitere Bezeichnungen für das „Faule Meer“ sind die Hydronyme Βύκης λίμνη, Buces lacus usw. geläufig, vgl. Plin. nat. 4, 84: Buces lacus; Val. Flacc. 6, 68: Byces; Ptol. 3, 5, 9. 10. 25; 3, 6, 1: Βύκης λίμνη; 3, 5, 12: Βύκου ποταμοῦ ἐκβολαί; Marcian. 2, 38: Βύκης ἡ λίμνη. Den antiken Geographen bekannt war auch der Fluss Buces (Mela 2, 2: Buces amnis; Plin. nat. 4, 84: amnis Buces; Ptol. 3, 5, 12: Βύκου ποταμοῦ ἐκβολαί „Bykes-Mündung“), der wahrscheinlich als Zufluss des gleichnamigen Sees anzusprechen ist; er dürfte entweder mit dem nördlichen Zufluss Nogaika oder mit dem südlichen, im Taurus-Gebirge entspringenden Salhyr identisch sein.
Unter den antiken Autoren bietet Strabo die detailreichste Beschreibung des „Faulen Meeres“; daher soll sie im folgenden etwas ausführlicher behandelt werden, auch wenn sie (für heutige Maßstäbe) nur bedingt brauchbare Informationen über das Gewässer liefert (Strab. 7, 4, 1 [308]): ἐνταῦθα δ᾽ ἐστὶν ὁ ἰσθμὸς ὁ διείργων τὴν σαπρὰν λεγομένην λίμνην ἀπὸ τῆς θαλάττης σταδίων ὢν τετταράκοντα καὶ ποιῶν τὴν Ταυρικὴν καὶ Σκυθικὴν λεγομένην χερρόνησον: οἱ δὲ τριακοσίων ἑξήκοντα τὸ πλάτος τοῦ ἰσθμοῦ φασιν. ἡ δὲ σαπρὰ λίμνη σταδίων μὲν καὶ τετρακισχιλίων λέγεται, μέρος δ᾽ ἐστὶ τῆς Μαιώτιδος τὸ πρὸς δύσιν: συνεστόμωται γὰρ αὐτῇ στόματι μεγάλῳ. ἑλώδης δ᾽ ἐστὶ σφόδρα καὶ ῥαπτοῖς πλοίοις μόγις πλόιμος: οἱ γὰρ ἄνεμοι τὰ τενάγη ῥᾳδίως ἀνακαλύπτουσιν, εἶτα πάλιν πληροῦσιν, ὥστε τὰ ἕλη τοῖς μείζοσι σκάφεσιν οὐ περάσιμά ἐστιν. ἔχει δ᾽ ὁ κόλπος νησίδια τρία καὶ προσβραχῆ τινα καὶ χοιραδώδη ὀλίγα κατὰ τὸν παράπλουν. „Dort ist die Landenge, die den sogenannten Faulen See vom Meer trennt; sie ist vierzig Stadien breit und bildet die sogenannte Taurische oder Skythische Halbinsel (nach Anderen beträgt die Breite der Landenge dreihundertsechzig Stadien). Der Faule See soll nicht weniger als viertausend Stadien messen; er bildet den westlichen Teil des Maiotischen Sees, denn er ist mit ihm durch eine große Öffnung verbunden. Er ist sehr sumpfig und kaum noch mit genähten Booten zu beschiffen; die Winde nämlich legen leicht die Untiefen bloß und füllen sie dann wieder, so dass die Sümpfe für größere Schiffe nicht durchquerbar sind.“ (Übers. St. Radt, Radt, Strabons Geographika 2, 282).
In diesem Text nennt Strabo als westliche Abgrenzung des „faulen Sees“ zum Karkinitischen (Tamyrakischen) Golf einen etwa 7 km breiten ἰσθμὸς, was recht genau der Breite der Landenge von Perekop entspricht. Den West/Ost-Durchmesser des Sees beziffert Strabo mit 4.000 Stadien, also (wenn man das attische Stadion zu Grunde legt) ca. 712 km. Allerdings geht aus dieser Beschreibung nicht hervor, ob Strabo mit dem Hydronym Σαπρὰ λίμην die gesamte Lagunenlandschaft Siwasch bezeichnet oder nur den westlichen, an die Landenge von Perekop anschließenden Teil („West Sivash“). Selbst wenn man von der erstgenannten Option ausgeht - der maximalen Ausdehnung von der Landenge von Perekop bis zum Südende der Arabat-Nehrung -, kommt man auf knapp 200 km, was ungefähr 1.000 Stadien entsprechen würde. Strabos Angaben sind also viel zu hoch gegriffen. Über die östliche Abtrennung dieses Salzseen-Systems vom Asowschen Meer durch die etwa 112 km lange Arabat-Nehrung hat Strabo ebenso wie auch Ptolemaios offenbar keine Kenntnis, möglicherweise bestand die Landzunge in der Antike noch gar nicht (Cordova, Crimea and the Black Sea, 115f.). Strabo versteht das „Faule Meer“ als westlichen Teil der Maiotis, beide seien durch eine „große Öffnung“ (vgl. Strab. 7, 4, 1 [308]: στόμα μεγάλη) miteinander verbunden. Welche Stelle in diesem Flachwassersytem er als στόμα μεγάλη bezeichnet - die Verbindung des im Westen gelegenen Sees mit den Lagunen im Westen oder die Straße von Henitschesk, - ist nicht klar. Naheliegend für heutige Betrachter*innen ist die Straße von Henitschesk (Генічеська протока/Генический пролив), der einzige (im nördlichen Teil der Nehrung gelegene) Durchlass (Seegatt), der für den Ausgleich der hohen Verdunstung im Siwasch den Hauptzustrom vom Asowschen Meer ermöglicht. Aufgrund ihrer starken Strömung in Richtung des Siwasch hat sich auf dessen Seite ein ausgeprägtes Rückseitendelta gebildet. Die wohl durch Sonnenwärme und Windeinwirkung sumpfige, zuweilen ausgetrocknete Lagunenlandschaft nennt Strabo als weiteres Charakeristikum für diese Region. Selbst wenn Strabo sich auf die Straße von Henitschesk (Генічеська протока/Генический пролив), den einzigen (im nördlichen Teil der Nehrung gelegenen) Durchlass (Seegatt), der für den Ausgleich der hohen Verdunstung im Siwasch den Hauptzustrom vom Asowschen Meer ermöglicht, bezieht, sind seine Angaben zur Größe des „Faulen Meeres“ übertrieben. Insgesamt bestätigt diese Passage, dass Strabo zumindest teilweise aus Vorlagen ortskundiger Informanten schöpfte.
Insbesondere die hohe Verdunstung im Siwasch begünstigt die Salzgewinnung und bietet die Erklärung für die Legende an der entsprechenden Stelle auf der TP - dass sich in den dortigen Salinen das Salz selbst herstellt. Auf der TP liegt dieses Gewässer nicht allzu weit von Phanagoreia, Kepos und Hermonassa entfernt, was aber auf die extreme Ost-West-Streckung der Region auf der Karte zurückzuführen ist. Noch weiter im Osten ist Sindike, am Fuß der westlichen Kaukasus-Ausläufer gelegen, eingetragen. Der Kimmerische Bosporus ist auf der Tabula Peutingeriana in extremer West-Ost-Spreizung dargestellt. Salzgewinnung ist auch andernorts im nordpontischen Raum. So bezeugt Herodot Salzabbau und -handel für das Mündungsgebiet von Borysthenes (Hdt. 4, 53; vgl. auch Dio Chrys. or. 36, 3) und Hypanis, das in der Antike unter dem Hydronym Hylaeum Mare (Plin. nat. 4, 83) bekannt war. Auch die Taman-Halbinsel ist geprägt von Lagunen und umgebenden Salzwiesen. - Vgl. auch Phamacorium· (Phanagoreia), Cepos· (Kepos) und Sindecae· Sindecae (Gorgippia).


Monika Schuol

Literatur:

Lit: Wilhelm Tomaschek, in: RE III / 1, 1897, 1104f. s.v. Byke; Miller, Itineraria, Sp. 958; Hugo Blümner, in: RE I A / 2, 1920, 2075-2099 s.v. Salz, hier 2078; Albert Herrmann, in: RE IV A / 2, 2258f. s.v. Taphros 1; Alexander V. Podossinov, Eastern Europe in Roman Cartographic Tradition, Moscow 2002, 356 [in Russian]; Carlos Cordova, Crimea and the Black Sea: An Environmental History, London/New York 2015, 115-117; Duane W. Roller, A Historical and Topographical Guide to the Geography of Strabo, Cambridge / New York 2018, 363.

   [Standard-Literatur-Liste im PDF-Format]

Letzte Bearbeitung:

16.01.2025 14:46


Cite this page:
https://www1.ku.de/ggf/ag/tabula_peutingeriana/einzelanzeige.php?id=2762 [zuletzt aufgerufen am 07.04.2026]

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